Bayerischer Schachbund e.V.

Schach und Corona: Ein Erkenntnisgewinn

"Denn das Leben ist eine Art Schach"
(Benjamin Franklin)

Der Kampf gegen Corona ähnelt in mancher Hinsicht einer spektakulären
Schachpartie. -  Was bisher geschah: Überraschende Eröffnung. Eine neue
Variante. Das Virus hat die Initiative. Die  Menschheit kalt erwischt.

Virulente  Simultanangriffe...
Das globale Schachbrett wird überrollt. Die Pandemie spielt weltweit
grausame Simultanpartien. Millionen Menschen müssen mitmachen. Für sie
ist das kein Spiel - ein Kampf ums Überleben.

...rätselnde Verteidigung...
Unsererseits werden Taktik und Strategie des Erregers zunächst kaum
verstanden. Die Beurteilungen reichen von harmlos, über Bluff bis zur
neuen Pest. Je nachdem sieht auch die Antwort aus: Verteidigung oder
interessiertes Abwarten. Während wir noch rätseln, schlägt der Gegner
erbarmungslos zu. Viele sind in Gefahr, manche verlieren. Abwehr und
Blockade werden verstärkt, ein Gegenangriff ist noch nicht möglich.

...und überall Fallen
Die heimtückische Taktik muss endlich analysiert, unsere Strategie
entwickelt werden. Enormer Druck lastet auf vielen Menschen. Alles soll
jetzt schnell gehen, wir spielen Blitz. Halt,  Moment! Jetzt in keine
Falle gehen!

Franklins ReflektIonen und Prinzipien für Schach und Leben

Viele von uns haben durch Schach Wertvolles für Alltag und
Extremsituationen gelernt. Der Staatsmann, Erfinder und begeisterte
Schachspieler Benjamin Franklin  führte aus, dass Schach mehr als ein
Spiel ist. Seine Reflektionen, Erkenntnisse und Empfehlungen - mit
einfachen Worten vor über zwei Jahrhunderten formuliert - sind stets
aktuell:
"...Die Auswirkungen des Spiels auf Verstand und Psyche sind
vorteilhaft. Das Schachspiel ist mehr als ein Zeitvertreib. Mehrere sehr
wertvolle psychische Eigenschaften und Gewohnheiten, die für das
menschliche Leben nützlich sind, kann man dadurch erwerben oder stärken,
sodass sie zu Fähigkeiten werden, die für alle Gelegenheiten zur
Verfügung stehen.
Denn das Leben ist eine Art Schach, wo wir oft Punkte zu gewinnen und
mit Gegnern zu ringen haben. Und wo es eine Vielzahl an  guten und
schlechten Ereignissen gibt, die in gewisser Hinsicht Auswirkungen
unserer Klugheit sind oder ihres Fehlens. Beim Schachspielen können wir
also lernen:

Erstens VORAUSSICHT, die in die Zukunft blickt und die Folgen beachtet,
die eine Handlung haben kann...Welche Züge kann ich tun, um mich zu
verstärken oder gegen Angriffe zu verteidigen.

Zweitens UMSICHT, die das ganze Schachbrett oder den Schauplatz der
Handlung(en) betrachtet, die Beziehungen der einzelnen Steine und
Situationen untereinander berücksichtigt, die Gefahren, denen sie
ausgesetzt sind sowie die Möglichkeiten sich gegenseitig zu unterstützen
und zu schützen. Eine Umsicht, die ausserdem die Wahrscheinlichkeiten
bedenkt, dass der Gegner diese oder jene Figur ziehen, angreifen oder
schlagen wird und wie wir den Schlag verhindern können.

Drittens BESONNENHEIT / VORSICHT, die Züge nicht zu schnell
auszuführen... Das Spiel entspricht dem menschlichen Leben, wo man, wenn
man sich unbedacht in schlechte oder gefährliche Lagen gebracht hat,
alle Folgen eigener Unbesonnenheit ertragen muss.

Schließlich erwerben wir beim Schachspiel  die Fähigkeit, NICHT MUTLOS
ZU WERDEN, wenn uns unsere augenblickliche Lage schlecht erscheint.
Vielmehr gewöhnen wir uns die Einstellung an, auf einen GÜNSTIGEN
UMSCHWUNG ZU HOFFEN und NICHT MÜDE ZU WERDEN NACH NEUEN MITTELN ZU
SUCHEN... Häufig findet man nach langem Nachdenken Auswege aus einer für
unüberwindlich gehaltenen Schwierigkeit. So wird man beim Schach
ermutigt, den Kampf bis zum Letzten fortzusetzen - in der Hoffnung auf
einen Sieg durch unsere eigenen Fähigkeiten oder wenigstens ein Patt..."
(Übersetzt von R.M.)


Franklin hat diese Prinzipien und Empfehlungen allen Menschen vermacht.
Falls Ihnen diese ohnehin vertraut sind, umso besser. Wenn nicht, lesen
Sie Franklins Empfehlungen vor wichtigen Entscheidungen und nach
Rückschlägen nochmals durch - bis sie in Fleisch, Blut und Gehirn
übergehen!
Auch bei handlungsrelevanten Gedanken, Einstellungen, Plänen und
Entscheidungen in Hinblick auf Corona können diese Erkenntnisse sehr
nützlich sein!

Gefahr erkannt - noch lange nicht gebannt. Inzwischen ist das
Mittelspiel voll im Gange
- wir werden weiter berichten...

Dr. Reinhard Munzert

Literatur:
Franklin, B.: The Morals of Chess. Columbian Magazine, 1786.
Franklin, B. The Autobiographiy And Other Writings. Penguin Classics,
1986.
Hagedorn, R.K.:  Benjamin Franklin and Chess in Early America.
University of Pennsylvania Press, 1958.
Munzert, R. Schachpsychologie (3.erweiterte Auflage, Kap. 26), 1993 /
1998.




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